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Ein Beitrag von Prof. Dr. Hans Werner Ingensiep, Universität Duisburg-Essen

Den Pflanzen verdanken wir unsere Leben, aber wir haben wir es Ihnen sprachlich nicht immer gedankt. „Vegetieren“ ist ein schnell gesprochenes Wort, das vieles über die Einstellung von Menschen zu Pflanzen verrät: “Ich möchte im Alter nicht so vor mich hin vegetieren“, sagt man im Angesicht von schwerer Krankheit, Tod und Sterben. Klar: „Vegetieren“ hat hier eine negative Bedeutung. Warum? Ein Mensch will eben kein „niederes“ Pflanzenleben führen. „Vegetieren“ bedeutet aber auch sich ernähren, wachsen und fortpflanzen. Der Ausdruck steckt in der lateinischen Bezeichnung „anima vegetativa“, d. h. „Pflanzenseele“. Die Vorstellung war, dass diese Pflanzenseele das Leben der Pflanzen lenke. Pflanzen leben an Ort und Stelle, sie sind immobile Lebewesen, die sich vor allem von Licht, Luft und Wasser ernähren. Kurz: Pflanzen sind autotrophe Lichtesser! Tiere dagegen sind heterotrophe Energieräuber, denn sie rauben fremden Lebewesen wie Pflanzen oder anderen Tieren Energie. – Tiere haben nach alter Vorstellung zur vegetativen Seele noch eine sensitive Sinnenseele („anima sensitiva“), um sich frei von Ort zu Ort bewegen zu können, auch, um sich zu ernähren oder fortzupflanzen. Menschen haben dazu noch eine Vernunftseele („anima rationalis“), um ihr Leben „vernünftig“ zu lenken –so heißt es in der Antike schon bei dem Philosophen Aristoteles.

Das war seit der Antike einer der Gründe, warum Menschen sich für “höchste“ Lebewesen hielten. Wer drei Seelen hat, der ist vollkommener und steht „höher“ als derjenige, der zwei Seelen hat wie die Tiere. Ganz unten aber sind die „underdogs“ der Naturphilosophie. Denn Pflanzen haben nur die eine „vegetative“ Seele. Man war also überzeugt, dass Pflanzen für Tiere, und beide – Pflanzen und Tiere – nur für den Menschen da sind. Der Mensch sieht sich an der Spitze dieser hierarchischen Natur- und Fressordnung. Das ist eine Form des „Anthropozentrismus“.

Wieso verdanken wir Pflanzen unser Leben und unsere Kultur?

Den höheren Pflanzen verdanken wir Menschen unser Leben, erstens, weil wir auch Pflanzennahrung zu uns nehmen, zweitens, weil sie den Sauerstoff in unserer Atemluft produzieren. Pflanzen tragen also elementar dazu bei, unsere menschliche Natur qua homo sapiens sapiens zu erhalten. Den höheren Pflanzen verdanken wir aber auch unsere Kultur und  Lebensform! Warum? Weil wir uns einst als Menschen der immobilen Lebensform der Pflanzen angepasst und sie uns zu Nutze gemacht haben. In Urzeiten vor hunderttausenden Jahren liefen wir als mobile Jäger und Sammler durch die Landschaft, um uns mit Lebensmitteln zu versorgen. Vor über 10 000 Jahren kamen Menschen auf die Idee, sesshaft zu werden, d.h. Menschen passten sich an die immobile Lebensform der höheren Pflanzen an. Diese Form der „Agrikultur“ sicherte elementare Lebensgrundlagen und war letztlich eine Bedingung für die späteren Hochkulturen an den großen Flüssen der Welt bis hin zur Entwicklung von Stadtkulturen. Der Mensch passte sich also an die Lebensform der Pflanzen an und entwickelte so seine „Kultur“.

Was ist also eine Pflanze? Wie sollen Menschen sich Pflanzen gegenüber verhalten? Welche Vorstellungen gab es? Das sind philosophische Fragen abseits der herrschenden Philosophie der Natur und des Menschen. Man findet in der Geschichte der Philosophie und Biologie viele interessante Antworten:

Hans Werner Ingensiep: Geschichte der Pflanzenseele. Kröner. Stuttgart 2001.

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