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Der Schweizer Dokumentarfilmer Nicolas Humbert ist auf dem Land groß geworden und hat als Kind viel Zeit im Wald verbracht. Wie viele seiner Generation ist er im jungen Erwachsenenalter in die Stadt gezogen, um seine Möglichkeiten zu erweitern. Die Sehnsucht nach der  zurückgelassene Natur blieb. Sie bewegte ihn Filmemacher zu werden. Sein aktueller Film WILD PLANTS ist eine poetische Hommage an das Gefühl, dass in der heutigen Zeit durch Bewegungen wie Urban Gardening oder Begriffen wie Urban Jungle seinen Ausdruck findet. Es geht um das Zurück zum Ursprung, um das Werden und Vergehen. Der Film kommt mit wenigen Worten aus und zeigt uns in poetischen Momentaufnahmen den Kreislauf des Lebens, in dem Pflanze, Tier und Mensch eins sind.

Es lohnt sich Wild Plants am Ehrentag der Pflanze zu schauen. Gefühlsmäßig und gedanklich kann man sich drinnen kaum besser in Harmonie mit den vegetativen Brüdern und Schwestern bringen.

‚Wild Plants’ läuft in Deutschland noch in ausgewählten Kinos. Die DVD Edition wird im Sommer 2017 erscheinen. Hier spricht der Regisseur über seinen neuesten Film.

WILD PLANTS – eine filmische Reise zu wildwüchsigen Pflanzen und Menschen

Wovon erzählen in dieser Zeit mit all ihren Zerstörungsszenarien, wenn nicht von Lebensmöglichkeiten? Vom Gestaltungsraum, der uns offen steht. Das war immer der Ausgangspunkt meines Interesses am Filmemachen. In ‚Step Across the Border’ war es die improvisierte Musik und in ‚Middle of the Moment’ das nomadische Leben, in dem sich Lebensentwürfe kristallisierten. Jetzt ist mit ‚Wild Plants’ ein Film entstanden, der von Menschen und ihrer besonderen Verbindung zu Pflanzen erzählt.

Der Film beginnt bei mir, an dem Ort, an dem ich aufgewachsen bin, ein alter Hof in den Voralpen, der Ort, an dem meine Mutter ihren Garten hatte, in dem sie noch am Tag meiner Geburt gearbeitet hat. Da beginnt der Film und da endet er auch. Von dort führt er in die Welt.

„Wer könnte uns besser daran erinnern, dass wir ein Teil der Schöpfung sind, als die Pflanze?“ So drückt es ein junger Gärtner aus, der früher Schauspieler in Paris war und nun Teil der Gartenbau-Kooperative ‚Les Jardins de Cocagne’ in Genf geworden ist.

In ‚Wild Plants’ habe ich mich auf den Weg zu Menschen gemacht, die auf ganz unterschiedliche Weise und an ganz verschiedenen Orten der Welt  diese Hoffnung und Gestaltungsmöglichkeiten im Zusammenspiel mit der Pflanzenwelt realisieren.

Funkenflug auf brachem Land

Einer von ihnen ist Maurice Maggi, der seit vielen Jahren in Zürich wilde Pflanzungen anlegt, wo sonst nur Beton und Brachland ist. Seine Interventionen sind sowohl politisch als auch poetisch zu verstehen und haben das Gesicht der Stadt verändert. Für ihn sind die Pionierpflanzen, die er aussät, das Sinnbild einer möglichen Transformation. „Für mich sind sie politische Gesinnungsgenossen“ sagt er bei unserem nächtlichen Gespräch auf der Hardturm-Brache, wo ehemals ein Fussballstadion stand. „Pionierpflanzen sind fähig, Brachland zu besiedeln. Sie können in Ritzen keimen und dann ein scheinbar kompaktes Ganzes aufbrechen und verändern. Das ist für mich so eine Art Avantgarde oder Subkultur. Sie besiedeln dann das Land und wenn es gut genug ist für andere, dann können sich andere dort ansiedeln und sie ziehen wieder weiter, müssen wieder neues Brachland entdecken. Über der Baumgrenze gibt es Pionierpflanzen, die unter misslichsten Bedingungen gedeihen können oder eben in Brachlagen oder wenn etwas verschüttet ist, in Schutthalden. Plötzlich bildet sich eine Vegetation und die ist dann auch sehr eigenwillig und oftmals auch sehr schön. Und das ist natürlich auch mein Lebensweg. Ich fühlte mich lange als Aussenseiter und drum habe ich dann eine Pflanze entdeckt, die dasselbe macht. Ich hab auch die Freuden darin entdeckt. Dass es ja auch eine Aufgabe sein kann, nicht im Fluss zu schwimmen, sondern an der Seite zu stehen.“

Pflanzen und Geschichten

In der Einflugschneise des Genfer Flughafens liegen die Felder der Gartenbau Kooperative ‚Les Jardins de Cocagne’, in der nun schon in der zweiten Generation neue Formen des Landbaus und des gemeinschaftlichen Wirtschaftens erprobt werden. Durch die gemeinsame Arbeit und die Produktion der eigenen Nahrungsmittel ist ein lebendiger sozialer Organismus entstanden, der weit über die Felder hinausweist.

Es ist Spätherbst und die letzte Zeit der Ernte. Ich hocke mit Rudi Berli, einem der Genfer Gärtner, auf dem Acker beim Einsammeln der Karotten. „Weißt du, wir sind ja eigentlich Nahrungsmittelproduzenten. Hinter den Lebensmitteln stehen aber nicht nur Vitamine und Fasern und Kohlehydrate, sondern da stehen auch Geschichten. Und diese Geschichten ernähren genauso oder noch viel mehr, als das, was sich auf die Stofflichkeit reduziert. Diesen Hunger nach Geschichten, den sieht man überall. Jede Pflanze hat ihre Geschichte. Und viele Geschichten sind keine fertigen Geschichten. Es sind Geschichten, die uns immer wieder fordern.

In der Arbeit im Garten bist du immer wieder gefordert, weil du ja ein Teil einer Lebendigkeit bist, die du kaum verstehst, obwohl du jahrelang in der Schule warst und viel gelernt hast. Um wirklich etwas über die Pflanze zu erfahren, brauchst du viel Zeit. Wir sind Teil einer Geschichte, die wir uns als Kollektiv, als Gemeinschaft angeeignet haben, und die uns über die Generationen als Erfahrung übermittelt wurde. Das ist Wissen, das weiterentwickelt wurde und man spürt genau, dass wir eigentlich nichts beherrschen, dass wir nur ein Teil sind in der Landwirtschaft, ein Teil dieses Prozesses.“

Das Geschichtenerzählen und die Schichtungen des Erdreichs als ein Gedächtnis der Erdgeschichte, die sich lesen lässt, liegen nah beieinander. Das Vergangene dringt an die Oberfläche und wird zu neuem Leben. Es ist ein Wandlungsprozess, in dem wir uns auch selbst befinden. Nicht zufällig entstammen die beiden Worte ‚Humus’ und ‚human’ derselben Wurzel. Wenn wir mehr in die Natur schauen, können wir auch mehr über uns selbst begreifen.

Wildwuchs am Wegrand

Meine Recherchen haben mir gezeigt, dass die Zusammenhänge zwischen Menschen und Pflanzen viel bunter und vielfältiger sind, als ich zu Beginn gedacht hatte. Das Wissen um die Kraft der Pflanzen und die Kunst des Gartenbaus ist in der Urbanisierung nicht verschwunden. Veränderte Beziehungen zur Natur bilden sich heraus. Sie sind wie der Humus, der das Alte in Neues verwandelt.

Das Bild des Gartens ist eine Metapher des Lebendigen, eines idealen und utopischen Ortes. Gleichzeitig ist er ganz real, bringt Menschen zusammen und ermöglicht ein Stück Unabhängigkeit. Er ist sowohl Symbol als auch Realität. Dass die Pflanzenwelt und der Garten gerade in Zeiten, die stark von Unsicherheit und sozialen Umwälzungen geprägt sind, so eine neue Bedeutung und Aktualität erhält, hat durchaus seine innere Logik.

Überall ist Leben möglich. Das zeigt sich in allen Menschen, denen ich begegnet bin und die im Film auftauchen. Wie die Pflanzen, mit denen sie zu tun haben, sind sie wildwüchsige Gewächse am Wegrand, die in die Zukunft weisen.

Nicolas Humbert, 28.2.2017, Wolfsgrub

© 2017

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